Lesungstagebuch Henry Sy (2). Pop-Ups blocken in Bremen.

Stadtbibliothek, Bremen, 19.02.2013 | Wilhelm 13, Oldenburg, 20.02.2013

Am Anfang war die Sache mit dem Pop-up-Blocker.
»Der muss ausgeschaltet sein«, hieß es, »ansonsten geht das Internet nicht.«
Also deaktivierte ich den Pop-up-Blocker und das Internet ging, beim Technikcheck in der Stadtbibliothek Bremen. In Bremen sollte heute die erste Lesung stattfinden, die sich dem Gegenteil von Henry Sy komplett annahm und damit an dem Ort, an welchem die Geschichte ihr auslösendes Moment hatte.

Großes Haus also. Dazu einiges an Technik: Laptop, Beamer, kabellose Eingabegeräte, Funkverbindung ins www. Und dazwischen Lesen, Texte hauptsächlich oder auch Graphen mit x-y-Achsen. Da erschien es sinnvoll, das Funktionieren der Technik im Vorfeld zu überprüfen. Beim Technikcheck funktioniert die Technik, das Internet geht, weil der Pop-up-Blocker deaktiviert ist und somit den W-Lan-Zugang störungsfrei ermöglicht.

Dass der Pop-Up-Blocker offensichtlich doch nicht deaktiviert ist, bemerke ich etwa drei Minuten nach Beginn der Lesung, in dem Augenblick, als ich zum ersten Mal vor Publikum ins Internet gehen möchte. Da merke ich: Das Internet geht nicht. Das ist überraschend und auch unpassend, weil das Projekt, welches im Spannungsfeld von Narration und Interaktion in sozialen Netzwerken experimentiert, irgendwie auch davon lebt, online zu sein.

Ein Spannungsfeld. Ansonsten ein Buch, ein Tisch und dann eine Stunde lesen. Heute aus freien Stücken youtube-Videos abspielen, Links klicken, Kommentare ausklappen, Pferdeforen aufsuchen, virtuelle Bekleidungshändler aufrufen. Und immer wieder in der Facebookchronik scrollen, ein andauerndes Wechseln zwischen Text und Laptopscreen.

Multitasking könnte ja auch eine Frage der Improvisation sein, denke ich und rede eben weiter, während ich in Eingabemasken Zahlen und Buchstabenkombinationen eingebe in der Hoffnung, dadurch den Zugang zu online wieder herstellen zu können. Klappt auch, was super ist, und – um die folgenden hundert Minuten vorwegzunehmen – klappt immer für etwa fünf Minuten, bis der Zugang wieder deaktiviert wird, weil eben der Pop-Up-Blocker nicht deaktiviert ist.

Ansonsten aber Energie pur. Die Schulklasse, die morgen zur Schreibwerkstatt kommen wird, ist schon jetzt da. Und auch andere. Ich stehe an einem Pult und trage glücklicherweise kein Headset-Mikro. Denn so könnte der Eindruck entstehen, es handle sich hierbei um ein Motivationsseminar. Dabei liegt mir nichts ferner als zu motivieren. Irgendwie will ich klar machen, was ich die letzten fünf Monate getan habe und dabei die Geschichte von Henry erzählen, eine Geschichte, die ich selbst noch nicht ganz überblicke. Eine Stunde, die vergeht, eine Stunde, in der live von den Anwesenden geklickt, geliket und kommentiert wird. Rot leuchtet es in der Facebooknavigationsleiste auf und ich denke »Geil, 2.0.«

Gleich danach 1.0 auf zwei roten Sesseln. Auf einem sitze ich und beantworte Fragen, anfangs noch einer Dramaturgie folgend, danach die aufregende Ungewissheit, wenn Arme nach oben schnellen. Auch die Klasse fragt, ob ich Henry jetzt vermisse und wie das wäre, loszulassen. Seltsam auf jeden Fall, melancholisch, aber sicher auch befreiend.

Später, in der nächtlichen Stille eines Hotelzimmers, in dem das Mineralwasser kostenfrei getrunken werden kann, könnte ich mich mit den Einstellungen des Browsers vertraut machen und lernen zu verstehen, wie man Pop-Up-Blocker deaktiviert. Wovon ich stattdessen lerne: Katzenhack.

Am nächsten Morgen der Schreibworkshop. Ich sage Schreibwerkstatt und noch ein paar Dinge, von denen ich denke, dass sie für eine neunte Klasse interessant sein und helfen könnten zu schreiben. Dabei ist Schreiben ja sowieso eine Black Box, die jemand mal im Marianengraben versenkt hat. Auch wenn man sich dieser manchmal mit Tiefseebooten nähert, ist es doch unmöglich, die Box jemals zu heben.

Diese niederschmetternde Erkenntnis gilt es in Worte zu packen, die trotzdem Lust auf Schreiben machen. Also Augen schließen, Welten und Figuren vorstellen, dann beschreiben, dann Figuren aufeinanderprallen lassen, dann aufschreiben, wie diese unbändige Wucht aussah. Und im Finale vorlesen. Anstatt Fanta und Sprite zu trinken, wird nach Mineralwasser verlangt. Die Geschichten erzählen von Philosophiestudiengängen, von Zeitreisen, Pferden und einer familiären Beziehung zwischen Didier Drogba und Usain Bolt. Am Ende ist das Gummibärenbüfett fast leergeräumt, sind drei Stunden vergangen und ich stehe in Bremen, hungrig irgendwie, aber auch angenehm satt von Eindrücken.

Von der Stadtbibliothek aus geht es nach Plastikcity, nach DouglasOrsaySubwaySaturnStarbucksThaliaBackwerkhausen, ein Ort ohne jede Überraschung, ein Ort, an dem man sich stets geborgen fühlt, weil das Franchise immer für mich da ist, egal, wer ich bin und wie meine Bedürfnisse sind werden sie überall gleichmäßig mittelmäßig erfüllt. Zwei Stunden in der Blase reichen. Dann fährt ein Zug nach Oldenburg.

Innerhalb von hundert Metern treffe ich dort auf zwei verschiedene Menschengruppen, die ein eigenes Harlem Shake-Video planen. Ansonsten erst mal auch DouglasOrsaySubwaySaturnStarbucksThaliaBackwerkhausen und Kirchen, die Plastikcitys des Mittelalters. Dass Städte natürlich viel mehr sind als der erste Weg vom Bahnhof zum Hotel wird spätestens beim Weg vom Hotel zum Wilhelm 13 klar. Heute ist für den Technikcheck reichlich Zeit eingeplant und ein Netzwerkkabel, welches eine Funkverbindung überflüssig macht. Damit wird die Deaktivierung des Pop-up-Blockers heute kein zentrales Element der interaktiven Leseshow sein.

Die Bühne ist groß und in schwarz gekleidet, so dass die Lichter Spots werfen, in deren Zentrum ich stehen könnte. Im Gegensatz zu gestern sitze ich und im Gegensatz zu gestern fällt jede Anspannung wie ein Kartenhaus in sich zusammen, oder – um im Bild zu bleiben – verteilt die Community Likes im Dutzend an meine buddhistisch anmutende Gelassenheit. Fast muss ich mich zusammenreißen, um nicht während der Lesung zu pfeifen oder so. Auch diesmal Fragen danach, geführt und spontan und schon sind über hundert Minuten vorbei. Der Laptop wird eingeklappt und damit vorerst auch die Geschichte von Henry Sy.

Das Gegenteil von Henry Sy
Literaturhaus Bremen
Lesungstagebuch

Was noch geschah:
(2) Bremen, Oldenburg. Pop-Ups blocken in Bremen.
(1) Fotothek Weimar. Transmediale Frischkäseschnittchen.

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